Ambient Musik - Kunstform und Gebrauchsmusik

Ein Interview mit Uwe Zahn

Foto: Uwe Zahn

Was macht Uwe Zahn alias Arovane?
Ich produziere Musik und arbeite als Sound Designer. 
Zu meinen Kunden zählen internationale Firmen, wie z.B. Ableton, Native Instruments, Nonlinear Labs, Zero-G, Soundmorph und Twisted Tools. Ich entwickle und programmiere Klänge/ Presets für Soft- und Hardwaresynthesizer.
Die Bandbreite meiner Musik entwickelte sich mit Einflüssen aus Elektroakustik, Musique Concrete, Field Recordings, Ambient- und Pop Musik.
Meine Musik wird weltweit auf verschiedenen Labels, wie N5md, ASIP (A Strangely Isolatet Place) als digitaler Download, CD oder Vinyl, vertrieben.
Diverse internationale Kollaborationen wie z.B. mit Synkro sind auf R&S/Apollo erschienen.

Blick ins Studio (Foto: Uwe Zahn)

Was ist Ambient Music? 
Ambient Musik ist ein sehr weit gefasster musikalischer Begriff. Viele aktuelle Produktionen werden heute der Ambient Musik zugeordnet oder basieren auf Elementen, die diese Musikgattung auszeichnet. Per Definition besteht Ambient Musik aus sanften, sich langsam entwickelnden Klangstrukturen. Signifikant ist der Aufbau mit subtilen Perkussionstexturen, rhythmischen Bass- und Melodiestrukturen in Kombination mit  Geräuschkulissen. Eine klassische Songstruktur, wie z.B. in der Pop Musik, gibt es nicht.

Die Ursprünge gehen in das Jahr 1911 zurück. Hier postulierte der Futurist Francesco Balilla Pratella ein technisches Manifest für Atonalität und irregulärer Rhythmik in der Musik. Luigi Russolo bezeichnete seine Musik als „Geräuschkunst“, L'arte dei rumori und formulierte, wie Bailla Pratella, ein musikalisches Manifest.
Die Bezeichnung „Geräuschkunst“ trifft den Kern der Musik, so denke ich, sehr gut. Brian Eno, einer der prominentesten Vertreter der Musikgattung, entwickelte zusammen mit Robert Fripp (Stichwort Frippertronics) in den 1970ern und 80ern mit Hilfe von Tonbandgeräten und Rückkopplungsschleifen einen prägenden Stil. Musikstücke entwickeln sich über lange Zeiträume. Parallel laufende Bandschleifen mit Umweltgeräuschen und Synthesizerstimmen überlagern sich und bilden laufend neue Strukturen und Zusammenhänge in der Komposition.
Später benutzte Eno Computer, Synthesizer und Software, um generative Musik zu erschaffen. Die Musik erschafft und komponiert sich selbst, basierend auf Algorithmen, in der Zeit, in dem das Programm läuft.

Im Bereich der Ambient Musik gibt es einige verwandte Stile wie Dark Ambient, Drone und auch Muzak, „Fahrstuhlmusik“.
In den letzten Jahren hat sich eine Szene mit jungen Musikern gebildet, die mit analoger Modulartechnik experimentiert und an neuen Ausprägungen der Ambient Musik arbeitet. Analoge  und digitale Technik wird kombiniert eingesetzt. Techniken der Musique Concrète prallen auf generative Softwaremodule. Signale von Kassettenrecordern und Bandmaschinen werden durch Bodeneffekte geschickt und im Computer gemischt und arrangiert. Musiker, wie Yann Novack, entwickeln Stücke, die aus der Überlagerung von Spektren und Frequenzen bestehen, Live in Galerien aufgeführt werden, ergänzt durch großflächige Projektionen in weiten Farbspektren und sich über Stunden entwickeln und verändern.

Foto: Uwe Zahn

Wodurch zeichnet sie sich aus?
Ambient Musik hat sich in den letzten Jahren zu einem großen Experimentierfeld entwickelt. Die Musikform bietet Raum sowohl für minimale Klangstrukturen, neue Techniken des Komponierens als auch der Kombination von unterschiedlichen Klangerzeugungstechnologien, Analog wie Digital.
Ambient Musik zeichnet sich durch eine relativ große, stilistische Offenheit aus. Es sind Field Recordings zu hören, die mit elektronischen Klängen oder akustischen Instrumenten kombiniert werden sowie klassische Schleifentechniken, die mit Tonbändern oder digitalen Medien wiedergegeben werden.
Vielfältige Wege der Manipulation stehen den Künstlern hier offen: Aufgezeichnetes Material kann geschnitten, rückwärts abgespielt und in der Wiedergabegeschwindigkeit verändert werden. Auf digitalem Wege können Klänge gefiltert und in ihre spektralen Bestandteile zerlegt werden. Granularsynthese z.B. bietet ein weiteres, riesiges Feld der Klangforschung im Bereich der Ambient Musik.
Mit Hilfe der Digitaltechnik und speziellen Schallwandlern können Klangereignisse im Raum platziert werden oder sie durchwandern.
Die vielfältigen, wachsenden technischen Möglichkeiten, Klänge zu manipulieren und zu formen, haben dieser Musikrichtung eine neue Popularität verschafft.

Was liegen die Unterschiede zur „Main Stream“ Musik?
Die Unterschiede zur „Main Stream“ Musik liegen zum einen in dem Aufbau und der Offenheit der Struktur. Kompositionen entwickeln sich über lange Zeiträume und binden zugleich unterschiedliche klangliche Komponenten ein. Geräuschhaftes wird mit Melodischem kombiniert oder kontrastiert.
Zum anderen werden die Unterschiede in der Rezeption der Musik und der Aufführung deutlich.
In der Pop/ Chart Musik fliegt ein Stück aus der Abspielliste, wenn es nicht unter drei Minuten das übliche Intro/ Strophe/Prechorus usw. abgespult hat. In den Streamingdiensten klicken viele Abonnenten schon nach zwanzig Sekunden weiter zum nächsten Track.
Im Bereich der Ambient Musik bildet sich ein völlig anderes Publikum ab. Während meines Auftrittes zum Ambientalny Festival 2015 in Wroclaw, Polen, hörte ein sehr junges Publikum sehr lange aufmerksam und konzentriert zu. Keine Smartphones waren zu sehen und es war sehr still im Konzertsaal.

Foto: Uwe Zahn

Wo kommt dieses Musik-Genre her?
Erik Satie bezeichnete seine Kunst als „Musique d'ameubement“ also „Möbelmusik“. Die Musik sollte wie ein Möbelstück fungieren und im Raum stehen wie ein Stuhl oderTisch. Er entwickelte eine Art Hintergrundmusik, die wie in einem Baukastensystem zusammengesetzt war. Dieser Minimalismus zeichnet auch die Ambient Musik aus. Die stetige Wiederholung von Figuren, Loops und die Konzentration auf wenige Elemente in der Musik sind stilprägend.
Ein weiteres Element sind Geräusche, die eine Brücke zwischen den überwiegend synthetischen Klängen und der Natur, der uns umgebenden Welt darstellt. In der Musique concrète experimentierte Pierre Schaeffer mit Geräuschen, die sich von harmonischen Strukturen komplett gelöst hatten. Er entwickelte die  „Morphologie“ der Klänge, die er in sieben Kriterien wie z.B. Klangfarbe, Allure und Dynamik unterteilte.
Der Ursprung der Ambient Musik ist also in verschiedenen musikalischen Entwicklungen zu finden.

Wie hat sie sich entwickelt?
Viele technische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben zur Entwicklung in der Ambient Musik beigetragen. Die Aufzeichnung von Schall ermöglichte Pierre Schaeffer Klänge zu konservieren und zu transformieren. Klänge konnten gemischt und kombiniert werden. Ein weiterer Schritt war die Tonbandtechnik. Jetzt konnten Klangstrukturen durch Schneiden und Montieren erschaffen werden. Klänge konnten in einer Bandschleife wiedergegeben und in ihrer Abspielgeschwindigkeit manipuliert werden.
Ein weiterer großer Schritt bildete die Digitaltechnik, die nicht nur die Aufzeichnung und Digitalisierung- Sampling des Tonmaterials ermöglichte sondern auch die synthetische Erzeugung und die Analyse/Resynthese von Klängen. Computer, Sequenzer und Digitale Audio Workstations bieten dem Musiker Werkzeuge zur Komposition von vielschichtigen Klangwerken.
Ambient Musik wird aktuell mit analogem sowie digitalem Equipment abgebildet.

Ist es eine Kunstform oder eher Gebrauchsmusik?
Ich würde sagen, dass „Ambient“ sowohl eine Kunstform als auch eine Gebrauchsmusik abbildet. Die vielfältigen Formen, wie z.B. Applikationen, die auf generativen Algorithmen aufgebaut sind, bieten dem Zuhörer Entspannung und einen Genuss von sich nie wiederholenden Klangfolgen. Liebhaber des Genres haben die Möglichkeit, Streams zu lauschen oder Konzerten beizuwohnen. Die steigende Zahl von Veröffentlichungen in diesem Feld, als digitale Musikdatei, Live Video oder aufwendig gestaltetes Vinyl oder CD, spricht für eine Kunstform, die von immer mehr Menschen aufgenommen wird.
Vielleicht liegt der Erfolg und die Beliebtheit dieser Musik in der Ambiguität zwischen Kunstform und Gebrauchsmusik begründet.
Der Zuhörer entscheidet, eine App zu starten und sich mit Melodiefolgen zu entspannen oder einer einstündigen, sich langsam entwickelnden Klangstruktur zu lauschen.

Wie wird Ambient Music produziert?
Aus den ersten Experimenten mit Tonbandschleifen und der anschließenden digitalen Aufzeichnung hat sich ein weites Feld von technischen Möglichkeiten der Produktion von (elektronischer) Musik entwickelt.
Die Ansätze und Ideen für Konzepte und Kompositionen sind sehr vielfältig. Sie reichen von Software generierten Klängen bis hin zur Tonerzeugung mit in Reihe geschalteten Bodeneffekten. Die Produktion von Ambient basiert oft auf einem verblüffend minimalistischen Einsatz von Geräten. Die Reduktion und Konzentration auf einzelne, wesentliche Komponenten führt zurück auf die Stilistik der Musik.
Musiker experimentieren mit der Verknüpfung von digitalem und analogem Equipment. Der Klang von elektrischen Gitarren wird mit Hilfe von Modulations-, Verzögerungseffekten und Hall zur faszinierenden Klangstruktur. Akustische Instrumente, die weitreichend in ihrem Klang verfremdet werden, sind beliebte Klangquellen.
Der Computer allein, mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten der Klangmanipulation bietet dem Musiker ein mächtiges Instrument. 

Wie entsteht ein Song?

Die Idee zu einem Ambient Stück kann angeregt werden durch ein akustisches Ereignis in der Natur, unserer Umgebung.
Das rhythmische Klappern einer Rolltreppe, der Raumeindruck einer großen Halle, Tonaufnahmen in der Gasse einer Stadt, das Rauschen eines Vogelschwarms, das Tropfen eines Wasserhahns.
Aus diesen Aufnahmen können tonale oder atonale Elemente extrahiert, umgeformt und arrangiert werden. Samplinginstrumente und Sequencer in der Digitalen Audio Workstation unterstützen den Musiker in der Komposition von einem Song.
Die Aufzeichnungen werden oft begleitet durch tonale, instrumentale Ereignisse, die sich über lange Zeiträume entwickeln.

Wer ist daran beteiligt?
John Cage eröffnete in seiner Aufführung  des Stückes 4'33'' dem Publikum die Stille des Saales mit Geräuschen zu füllen. Er zeigt hier wunderbar, wie wir alle Teil einer großen akustischen Aufführung sind. Ein Räuspern, Husten oder auch Ausrufe der Ungeduld, sogar Protest waren Teil des Konzerts, nur unterbrochen durch das Öffnen und Schließen des Tastaturdeckels vom Klavier.
Beteiligt ist neben dem Musiker, dem Publikum auch die uns Umgebende, klangliche Welt. Ambient – die Umgebung betreffend.

Wird zwischen Komponist/Produzent/Künstler unterschieden?
Das würde ich jeweils auf den musikalischen Kontext oder die Idee, die hinter einer Komposition steht beziehen. Yann Novack z.B. würde ich als einen Konzeptkünstler und Musiker bezeichnen. Seine Musik, in Kombination mit großflächigen Projektionen führt er überwiegend in Galerien auf. Auch hier sind die Grenzen fließend. Es gibt Musiker, die ausschließlich im Studio arbeiten, neben  Produzenten, die Elemente der Ambient Musik in ihre Filmmusik einfließen lassen und Künstlern, die alle Ebenen miteinander verbinden und zu einer neuen Kunstform entwickeln.

Wie wird die Musik vermarktet?
Die Kanäle der Vermarktung sind auch hier vielfältig. Neben den digitalen Plattformen, wie z.B. Bandcamp existieren unzählige Digitalradiokanäle, Blogs und Podcasts. Bandcamp bietet eine elegante und sehr direkte Form der Vermarktung von Musik. Es werden Abo-Modelle angeboten und die Musikliebhaber können Kontakt zum Künstler aufnehmen.
Aufwendig gestaltete Vinyl Alben in kleineren Auflagen sind sehr beliebt und werden von Labels wie z.B. ASIP oder12k hergestellt und vertrieben. Auch die Audiokassette hat den Weg zurück in den Markt gefunden.
Aber auch größere Labels wie beispielsweise WARP legen Brian Enos Werk als Vinylschallplatte wieder auf.
Digitale Portale bieten auch unbekannten Künstlern die Möglichkeit, ihre Musik zu präsentieren und zu vermarkten.


Uwe Zahn (Foto: Ulf Bueschleb)

Uwe Zahn produziert unter dem Pseudonym Arovane seit über 30 Jahren elektronische Musik.