08.07.2019 | Ausgabe 3/2019

Die Königin der Instrumente: Die Orgel

Instrumente unter der Lupe

Orgel in der Neanderkirche / Foto: Hans Schlosser

Orgel in der Neanderkirche / Foto: Hans Schlosser

Dreißig Orgel interessierte Tonmeister und Studenten trafen sich im Mai in der für barocke Vorstellungen schlichten Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt. Organist Sebastian Klein begrüßte die Teilnehmer musikalisch mit der Promenade aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in einer Orgelbearbeitung.

Hans Schlosser als Seminarleiter stellte die Referenten vor und betonte seine besondere Freude darüber, dass Prof. Dr. Jürgen Meyer, der Schöpfer der „Tonmeister Bibel“ „Akustik und musikalische Aufführungspraxis“ als Referent dem Seminar eine wissenschaftliche Note verlieh. Marianne Kort, Orgelbauerin bei Orgelbau Seifert in Kevelar, und Sebastian Klein, Organist an der Neanderkirche, starteten das Seminar mit der Vorstellung der Rieger Orgel und deren Disposition und Konzeption.

„Anblasen“ einer großen Pfeife / Foto: Hans Schlosser

Die Neander-Orgel wurde 1965 von der Orgelbaufirma Rieger (Schwarzach, Österreich) unter der Leitung von Josef von Glatter-Goetz nach einem Dispositionsentwurf von Gerhard Schwarz und Hubert Meyers erbaut. Das Instrument hat mechanische Spiel- und Registertrakturen. Drei Manuale und 47 Register, sechs Koppeln und 4000-fache elektrische Setzer-Anlage. Ab 2010 wurde die Wartung und Pflege der Orgel von der Orgelbaufirma Seifert in Kevelar übernommen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit wurden einige Register modifiziert und die mechanischen Koppeln durch elektrische ersetzt. [1]

In Zusammenarbeit mit Seifert Orgelbau wurde auch eine neue Stimmungs-Variante der Orgel angewendet, Bach-Kellner [2], die der Orgel besonders bei den Prinzipalen einen würzigen Klang verleihen.
Marianne Kort erläuterte dann mit Unterstützung von Demo-Pfeifen die Klangerzeugung bei der Orgel am Beispiel von Labial- und Zungen Pfeifen. Sie zeigte an Hand von projizierten Bildern den Herstellung- und Fertigungs-Prozess. Das Können eines Orgelbauers zeigt sich dabei in der Kunst der Intonation jeder einzelnen Orgelpfeife.

Im zweiten Teil wurde von Frau Kort und Herrn Klein direkt an dem geöffneten Orgelgehäuse die mechanischen Vorgänge gezeigt und erläutert. Einige Teilnehmer konnten dabei beim „Anblasen einer großen Pfeife“ ihre Lungenkraft testen.

Mikrofonanordnungen / Foto: Nils Heider

Das Wesen eines Orgelklangs besteht in der Zusammenschaltung verschiedener Register. Registrierungs-Beispiele dafür brachte Sebastian Klein, indem er kurze Musikpassagen aus den Musikepochen Renaissance, Barock, Klassik, Romantik und Moderne vorstellte. Hier wurden die vielfältigen Möglichkeiten einer Orgel und des Interpreten klar dargestellt. Von Holzpfeifen über Zungenstimmen, Mixturen, Prinzipalen bis hin zum Einsatz von Schwebungen, Tremulant und Schwellwerk. Einen herzlicher Dank und Beifall für Sebastian Klein für diese 25 minütige Demonstration. Anschließende Fragen an die Orgelbauerin und den Organisten beendeten den ersten Seminar-Teil.
In dem vor der Kirche liegenden Biergarten wurden am Abend mit den Teilnehmenden Eindrücke und Ergebnisse des ersten Tags diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht.

Der zweite Tag startete mit dem von allen erwarteten Wissens-Feuerwerk von Prof. Dr. Jürgen Meyer. In souveräner Art referierte er über die physikalischen und akustischen Grundlagen der Klangabstrahlung der verschiedenen Klangerzeuger der Orgel unter Berücksichtigung der Anordnung im Gehäuse und im Raum.

Alle Erklärungen wurden durch projizierte Grafiken und Diagramme ergänzt. Viele erläuterte Fragen rundeten den Vortrag ab.

Im zweiten Teil seiner Präsentation ging Prof. Meyer auf die Raumakustik von Kirchenräumen, zu der er ein neues Buch veröffentlicht hat, ein. Begriffe wie Nachhallzeit, Hallradius und Nachhallfrequenzgang erweckten bei den Teilnehmern gute Erinnerungen an die Studien- oder Ausbildungszeit.

Nach einer kurzen Pause folgte der Praxisteil. Das Institut für Musik und Medien der Robert Schumann Hochschule stellte mit dem Institut-eigenen Ü-Wagen die gesamte technische Infrastruktur für die Aufnahmen zur Verfügung. Leider konnte Frau Prof. Birwe, Künstlerische Musikproduktion, krankheitsbedingt nicht anwesend sein.
Sechs verschiedene Hauptmikrofon-Verfahren – Kunstkopf, Klein/Groß AB, ORTF, Blumlein und DECCA Tree sowie Raummikrofone waren aufgebaut. Fast drei Stunden wurden kurze Orgel-Sequenzen aufgezeichnet und nach direktem Abhören über fünf Kopfhörerstationen mit jeweils fünf Kopfhörern die Mikrofon-Positionen variiert und wieder neue Aufnahmen erstellt.

Kopfhörer-Abhörstation / Foto: Branko Glisovic

Bei den Kopfhörer-Stationen kamen drei VDT-eigene Systeme und zwei von der Firma SPL gesponsorte Systeme zur Anwendung. Alle Aufzeichnungen werden nach Bearbeitung durch die Hochschul-Studierenden den Seminarteilnehmenden über einen Server zum Download zur Verfügung gestellt.

Die abschließende Diskussion ergab keinen absoluten Favoriten, da die Aufnahmen in der Kirche mit ihrer für Kirchen relativ kurzen Nachhallzeit von ca. 2,6 s bei allen Verfahren noch der Zumischung der Raummikrofone oder künstlichen Nachhall bedürfen. Die Kunstkopf-Aufnahmen hatten natürlich bei der reinen Kopfhörer-Wiedergabe einen Vorteil. Da unter den Teilnehmenden einige erfahrene Orgel-Tonmeister waren, ergab sich noch ein reger Erfahrungsaustausch.
Nach dem kleinen, abschließenden Orgelkonzert verabschiedete man sich mit dem Dank an die Referenten und der Erkenntnis, dass dieses neue Seminarformat für andere Instrumentengruppen fortgeführt werden sollte.