08.07.2019 | Ausgabe 3/2019

Audio-Seminar “The Sheer Pleasure of Sound“

Al Schmitt, Daniel Dettwiler und George Massenburg

Maurice Patist, Daniel Dettwiler, George Massenburg, Steve Genewick, Al Schmitt (v.l.n.r.) / Foto: MGM Audio Sandro Giacon

Es war das pure Vergnügen an einem dreitägigen Forum mit zwei Großmeistern der amerikanischen Popmusik teil- zunehmen und zusammen mit dem Sound Engineer Daniel Dettwiler über verschiedene Aspekte bei der Aufzeichnung akustischer Musik zu diskutieren. Im Mai fanden sich an die Hundert internationale Teilnehmer in Basel dazu ein. Daniel Dettwiler hat das Kunststück fertiggebracht, den 89-jährigen Al Schmitt mit seinem langjährigen Assistenten Steve Genewick und den 72-jährigen George Massenburg von Los Angeles in die Schweizer Kulturstadt am Dreiländereck einfliegen zu lassen.

Im beneidenswert gut ausgestatteten Jazz-Campus der renommierten Musik Akademie Basel, in dem nicht nur Musiker ausgebildet werden und regelmäßig Club-Konzerte stattfinden, gibt es ein Aufnahmestudio mit angrenzender Regie. Nach der Begrüßung am Freitag durch Maurice Patist, dem President Sales &
Marketing von PMC USA, der auf sehr unterhaltsame und professionelle Weise durch das Programm führte, ging es sofort mit einer ersten Diskussionsrunde los.

Dabei war die zentrale Frage, was den Unterschied zwischen einer guten und einer „magischen“ Aufnahme ausmacht und wie man dahin kommt. Man war sich schnell einig, dass es ohne exzellente Musiker und eine hervorragende Performance nicht geht, und dass auch eine technisch perfekte Aufnahme nichts nützt, wenn es nicht „grooved“.

Musiker müssen sich im Studio wohlfühlen und ein Vertrauen zum Tonmeister entwickeln. Daniel Dettwiler wies auf die Wichtigkeit hin, Kontakte zu den Musikern und eventuell dem Produzenten schon weit im Vorfeld der Aufnahme zu knüpfen und auch über Aufnahmekonzepte zu sprechen. Direkt vor der Aufzeichnung sei das zu spät.

Al Schmitt, Daniel Dettwiler und George Massenburg nahmen ein Jazzquartett auf, bestehend aus Róbert Szakcsi Lakatos (Piano), Sam Barnett (Saxophon), Raffaele Bossard (Bass) und Dominic Egli (Drums), das eigens für diesen Anlass zusammengekommen war.

Daniel Dettwiler während seinem Talk über die „physikalische Integrität“ im Konferenzsaal / Foto: Idee und Klang Studio

Sie wählten vier komplett unterschiedliche Klangkonzepte. Al zeigte zunächst wie man um 1950 mit noch einfachen technischen Mitteln (ein Mikrofon pro Instrument) aufgenommen hat. Danach folgte sein heutiger Ansatz, bei dem er das Schlagzeug in eine Kabine (Booth) setzt (für eine bessere Klangkontrolle), die restlichen Musiker bleiben im Studio.
George Massenburg führte seine Herangehensweise vor, bei der er sich zusammen mit den Musikern in einem trockenen Raum befand. Das Auditorium eignete sich praktischerweise sehr gut dafür.
Daniel Dettwiler schließlich stellte einen Ansatz vor, bei dem die Musiker ebenfalls alle im selben Raum sind, anders als bei George Massenburg ließ er aber Crosstalk vom Schlagzeug auf das Piano zu, um eine „echte“ Tiefenstaffelung zu erhalten.

Alle Aufnahmearten wurden ausführlich besprochen, und für speziell zahlende Teilnehmer waren einige wenige Plätze in der Tonregie vom Jazzcampus bereitgestellt, wo sie den Meistern über die Schultern schauen konnten. Die übrigen Besucher verfolgten das Geschehen auf einer Großleinwand im Hörsaal des Campus (die Videotechnik wurde freund freundlicherweise von Lasse Nipkow und seinem Team zur Verfügung gestellt und betreut). Um den bei Stereoaufnahmen prinzipbedingt engen Sweetspot für die doch zahlreichen Gäste zu vergrößern, wurde mit dem IAP 16 von Illusonic ein zusätzliches Center Signal generiert.

Für den zweiten Tag dienten die Aufnahmen des Vortags als Diskussionsgrundlage. Wir hatten die Location gewechselt und trafen uns auf dem Gundeldingerfeld (einem ehemaligen Fabrikgelände) in Daniel Dettwilers „Idee und Klang Studio“. Da auch dort der Raum begrenzt war, wurde in eine nahegelegene Halle eines Restaurants übertragen und diskutiert. Al Schmitt, Daniel Dettwiler und George Massenburg führten ihre Aufnahmen vor und erläuterten nochmals, wie wichtig der Raum und die Positionierung der Musiker für das Zusammenspiel und die Qualität der Aufnahme sei. Alle drei arbeiten nach Möglichkeit zusätzlich mit Raummikrofonen. Es wurde viel über Mikrofonaufstellungen, Bändchen- und Röhrenmikrofone gesprochen (auch über die Tatsache, dass man keine zwei identisch klingenden alten Mikrofone finden kann), und die Seminar-Teilnehmer beteiligten sich rege.

Mikrofonwald / Foto: Christian Klotzbücher

Am dritten Tag startete Daniel Dettwiler mit einem Vortrag über die Wichtigkeit der physikalischen Integrität von Instrumenten in den Aufnahmen und zeigte uns dies beispielhaft anhand der Produktion „Oloid“ vom Stimmvirtuosen Christian Zehnder und Schlagzeuger Gregor Hilbe. Von deren extremen Tiefenstaffelung und Wucht im Klang waren selbst Al Schmitt und George Massenburg begeistert. Danach durften wir einige Multitrack-Sessions von Songs wie Stevie Wonders „Superstition“, oder Totos „Rosanna“ anhören. Unglaublich, was sich da auf den einzelnen Spuren findet und im Endmix dann nur als Farbe zu hören ist! Auch Maurice Patist hatte noch eine Überraschung: das Original- Multitrack-Master von Miles Davis „Kind of Blue“. Er hatte diese kürzlich in den Capitol-Studios neu in Dolby Atmos remastert – womit dann über Audioformate diskutiert wurde und man sich durchaus einig war, eine Auflösung in 44,1 kHz/16 Bit sei für Aufnahmen nicht mehr zeitgemäß.
Weitere interessante Gespräche handelten vom weltweiten Studio-Markt und natürlich den Preisen. Ein Teilnehmer aus Barcelona berichtete darüber, dass in Spanien die Tagesmiete eines Studios inklusive Techniker mittlerweile leider auf 300 Euro gefallen sei.

Es ist unmöglich die Vielfalt der Themen dieser drei Tage hier zu erläutern. Sicherlich konnte jeder Teilnehmer viele Erkenntnisse mit nach Hause nehmen. Das Forum war hervorragend organisiert und man kann nur hoffen, dass es bald eine ähnliche Gelegenheit gibt, sein Wissen in so einem angenehmen Rahmen auszutauschen und zu erweitern.

Für die Daheimgebliebenen zwei Tipps: Das neue Buch von Al Schmitt „On The Record“ (O-Ton Al Schmitt: „20 Bucks, die Empfehlungen sind tausende von Dollar wert!“) und YouTube, da findet sich einiges zu allen Referenten.

Maurice Patist gab uns zum Abschluss noch mit, dass die Qualität der europäischen Studios und der Tonmeister keinesfalls schlechter sei als die in Amerika und wir hier unbedingt Preise verlangen sollten, die den Lebensunterhalt finanzieren können. Unser Hauptproblem in Europa sei die schlechte Vermarktung. Stimmt. Geht man nach Hollywood findet man auf dem Walk of Fame einen Stern mit dem Namen „Al Schmitt“.