08.07.2019 | Ausgabe 3/2019

Egal, ob mit oder ohne Bild

Die Komposition muss immer funktionieren: Ein Interview mit Klaus Strazicky, Theresa Zaremba und Josel Piras

Theresa Zaremba, Josef Piras und Klaus Strazicky im Filmmusikstudio / Foto: Susanne Mlineritsch

Die Hochschule für Musik und Theater München bietet den Studiengang „Komposition für Film und Medien“ an. Zusätzlich zu Ihrem Kompositionsstudium lernen die jungen Komponisten hier auch ihre Komposi- tionen mit den entsprechenden Produktionstechniken umzusetzen. Zwei Studierende der Hochschule,
Theresa Zaremba und Josef Piras, sowie Dozent Klaus Strazicky sprechen über ihre Erfahrungen.

WARUM HABT IHR EUCH FÜR DEN STUDIENGANG „KOMPOSITION FÜR FILM UND MEDIEN“ ENTSCHIEDEN?
Theresa Zaremba: Ich habe zunächst ein generelles Musikstudium in England absolviert, in dem ich viel über Komposition, Musikanalyse und Musikwissenschaft gelernt habe. Den Studiengang hier in München kannte ich, hatte aber nie in Erwägung gezogen, mich zu bewerben, weil die Chancen relativ gering sind, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ich habe es trotzdem versucht und es hat funktioniert. Mir wurde schnell klar, dass ich mich rein musikalisch hier eher wiederfinde als in der zeitgenössischen Komposition. Der Studiengang ist sehr offen für alle Musikstile und auch den Bereich der Produktion wollte ich vertiefen.

Josef Piras: Bei mir war es vor allem die Vielseitigkeit des Studiums. Ich habe mich vorher ausschließlich mit klassischer Musik beschäftigt. Ich wollte mich öffnen für andere Musikrichtungen und auch für die Technik, und fühle mich daher hier sehr wohl.

WIE IST DIE AUSRICHTUNG DIESES STUDIENGANGS?
Klaus Strazicky:
Der seit 1996 etablierte und erste Studiengang dieser Art in Deutschland heißt Komposition für Film und Medien. Unterrichtet werden u.a.  Fächer wie Komposition, Satztechnik/ Instrumentation, Musikproduktion, Film- und Medienanalytik, Musikalisch- interpretatorische Praxis und Analyse/Gehörbildung. Initiator für den Studiengang war der Komponist Prof. Dr. Enjott Schneider, Prof. Gerd Baumann leitet den Studiengang seit 2013.

Aus den genannten Modulen wird bereits ersichtlich, dass viele Stilistiken abgedeckt werden, denn all diese Kompetenzen werden bei Film, Fernsehen und Theater gebraucht. Da die Produktion für Komponisten immer wichtiger wird, bringen wir die Studierenden sehr schnell in die Studios, damit sie lernen, ihre Projekte umzusetzen. Die Zeiten, in der man eine Partitur als Bewerbungsunterlage bei einem Auftraggeber abgibt, sind lange vorbei. Man muss sich mit entsprechenden Produktionen vorstellen.

WIE HOCH IST DER TECHNISCHE ANTEIL IM STUDIUM?
Klaus Strazicky: Die Technik ist ein überwiegend praktischer Part der Ausbildung, den ich auf mindestens ein Drittel schätzen würde. Wir geben den Studierenden die Mittel mit auf den Weg, damit sie die gestellten Aufgaben umsetzen können.

Aktuell arbeiten wir an einem Projekt mit unserer großen Orgel. Die Studierenden sollten ein Stück schreiben, zuvor das Instrument Orgel erkunden, um herauszufinden, wie man es kompositorisch, aber auch klang- und produktionstechnisch darstellen kann. Die Kreation eigener Sounds und Samples ist neben den technischen Routinen ein sehr wichtiger Aspekt.

Die Studierenden nehmen auch reine Konzerte auf, um die Routine im Umgang mit der Technik zu fördern und die Fehlerquote zu reduzieren. Es ist wichtig, immer wieder Mikrofone aufzustellen,
Signalwege aufzubauen, Klangfarben einzustellen usw.

Theresa Zaremba: Ich mache gerade meinen Abschluss und die Technik ist definitiv relevant, weil ich eine Künstlermappe abgeben werde, in der meine Kompositionen ein gewisses Gewand haben müssen. Sie müssen gut klingen. Für meinen Abschluss steht eine Orchesteraufnahme an, die vorproduziert und dann gemischt werden muss. Da muss ich all das gelernte technische Wissen anwenden. Es ist eine Voraussetzung für meinen Job, dass ich die Musik, die ich schreibe, auch schön klingend verpacken kann und dafür brauche ich die das Wissen über die Produktionstechniken.

Auswahl an Instrumenten / Foto: Klaus Strazicky

WIE ENTSTEHT EIN FERTIGES PRODUKT VON DER KOMPOSITION BIS HIN ZUM FERTIGEN PRODUKT?
Josef Piras: Der Workflow ist ganz stark von der Art der Produktion abhängig. Manchmal überwiegt der kompositorische Teil, manchmal der technische. Ich arbeite noch sehr old school mäßig, denn ich schreibe tatsächlich Noten auf Papier. Erst dann überlege ich, wie ich die Komposition zum Beispiel im Sequenzer umsetzen, wie ich die Stärken einer Sample Library einsetzen oder wie ich Live-Musiker einbinden kann. Ich versuche immer, die Stärken der Technik zu nutzen und mich nicht durch die Technik einschränken zu lassen. Der Produktionsprozess an sich ist ziemlich linear.

IST DIE AUFGABENSTELLUNG BZW. DIE KOMPOSITION IMMER FUNKTIONAL GEBUNDEN?
Theresa Zaremba: Das könnte man grundsätzlich so sehen. Aus meiner Sicht ist es aber so, dass die Komposition auch alleine funktionieren muss. Es ist immer schwieriger für ein zusätzliches Medium zu komponieren, weil man weitere Komponenten im Gesamtwerk berücksichtigen und einbringen muss.

Josef Piras: Es wird im Laufe des Studiums Wert darauf gelegt, dass wir zunächst eine eigene Sprache entwickeln. So kommt es häufig vor, dass bei den Klassenkonzerten das Vertonen von Filmen gar nicht vordergründig ist. Es werden auch autonome Stücke vorgetragen, die wir komponiert haben. Es geht dabei in erster Linie darum, ein musikalisches Konzept zu entwickeln und darauf zu achten, dass jede Komposition eine gewisse innere Dramaturgie hat. Das ist eine große Hilfe, wenn man sich mit Medienkomposition beschäftigt, weil man bestimmte Situationen und Klischees bedienen kann und dabei immer an einen Spannungsbogen in der Komposition denkt.

Klaus Strazicky: Jeder Studierende sollte klanglich und kompositorisch seine eigene Sprache finden und nicht versuchen, andere Filmkomponisten zu kopieren. Der Gedanke an Gebrauchsmusik darf gar nicht im Vordergrund stehen. Jeder sollte den Anspruch haben, dass die Musik auch ohne Drehbuch und ohne Bild bestehen kann. Das dramaturgische Denken soll sowohl im kompositorischen als auch im technischen Bereich gefördert werden. Es gibt viele Filme deren Musik auf CD erschienen ist und sehr gut ohne Bild funktioniert, aber ich kenne sehr wenige Filme, die ohne Musik immer noch funktionieren.

Theresa Zaremba und Josef Piras im Studio / Foto: Susanne Mlineritsch

WELCHE EINFLUSS HABEN DIE TECHNISCHE MÖGLICHKEIT AUF EINE KOMPOSITION?
Theresa Zaremba: Bei mir hat die Technik einen sehr großen Einfluss. Ich habe verstärkt angefangen, in Logic oder Ableton zu komponieren. Dadurch sind die Möglichkeiten, die ich zum Beispiel beim Editing habe, sehr ausschlaggebend für das Endprodukt.

Josef Piras: Ich arbeite zurzeit an einem Projekt, bei dem das Verhältnis zur reinen dramaturgischen Musik interessant ist. Auslöser für das Stück, das ich für ein Streichorchester aus Violen und Celli geschrieben habe, war ursprünglich eine Filmszene, die aber später nicht mehr gebraucht wurde, weil sich das Musikstück im Laufe der Komposition davon gelöst hat.

Mir war es dann wichtig, an der Musik weiterzuarbeiten, weil ich ein Experiment mit Mikrotonalität wagen wollte. Auch hier habe ich mit Papier und Bleistift komponiert und mir Gedanken gemacht, wo ich die Mikrointervalle setzen könnte, damit ich ggf. in schrägere Harmonien modulieren kann, die nicht auf 443 Hz basieren. Als ich mit der Aufnahme starten wollte, hat Klaus mich zurückgehalten. Er hatte die Idee, die Instrumente nicht umzustimmen, sondern in der 443 Hz Stimmung aufzunehmen und nachträglich zu bearbeiten. Jetzt arbeiten wir mit einer Pro Tools Session und ich beschäftige mich mit Tuning. Das hat mir eine Welt geöffnet.

Ich bin erstaunt, dass in diesem Fall der technische Aspekt so stark und positiv in die Komposition eingeflossen ist, denn wir haben Zeit gespart und das Ergebnis ist sicherlich viel besser geworden, denn die Musiker konnten in ihrer gewohnten Tuning gespielt.

Wenn wir wissen, welche technischen Möglichkeiten es gibt, dann kann man sie schon während der Komposition berücksichtigen.

ES GIBT DURCHAUS PARALLELEN IM STUDIUM ZUM TONMEISTER-STUDIUM. WO LIEGEN DIE UNTERSCHIEDE – NEBEN DER KOMPOSITION?
Klaus Strazicky: Der klassische Tonmeister hat ein fundierteres theoretisches Wissen. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit Instrumentenkunde meist immer erst dann, wenn wir es brauchen. Wenn eine Oboen-Aufnahme ansteht, dann sprechen wir vorher über die Besonderheiten des Instrumentes und wie man es am besten aufnimmt. Welche Mikrofone benutzen wir und wo stellen wir sie auf? Das ist sehr praxisnah. Es wird nicht erst die Theorie vermittelt und später in der Praxis umgesetzt. Das ist der Hauptunterschied.
Wir haben momentan vier Arbeitsplätze, die die Studierenden jeder Zeit nutzen können. So können sie ihre eigenen Ideen aufnehmen und sich ausprobieren. Es ist ein Learning by Doing. Der eine oder andere macht sich Gedanken über die theoretischen Hintergründe, die sich bei einer Aufnahme ergeben. Dann versuche ich, seine Fragen zu beantworten und das Gelernte mit theoretischen Inhalten zu unterfüttern.

WIE SIEHT ES MIT DEN OPERATIVEN FÄHIGKEITEN AM EQUIPMENT AUS?
Klaus Strazicky: Die Studierenden müssen sich in unserem hochschulinternen Studio auskennen und das gesamte Equipment bedienen können. Damit sind sie in der Lage, die gängigen Anforderungen umzusetzen. In z.B. einem Rundfunk-Studio wären die meisten wohl überfordert.

WO ARBEITEN DIE ABSOLVENTEN NACH DEM STUDIUM?
Klaus Strazicky: Die Selbstständigkeit ist in aller Regel die einzige Möglichkeit in den Markt zu kommen. Daher versuchen wir die Studierenden in Workshops über Karriereplanung, Urheberrecht usw. vorzubereiten. Die meisten haben auch schon kommerzielle Produktionen während der Studienzeit umgesetzt.
Wir haben nebenan die HFF, die Hochschule für Fernsehen und Film. Prof. Baumann hat in den letzten Jahren den Kontakt zu den Lehrenden und Studierenden stark verbessert und es sind bereits erste gemeinsame Projekte realisiert worden. Ziel ist, dass zum Beispiel ein junger Regisseur mit einem Komponisten von unserer Hochschule zusammenarbeitet. Letztendlich arbeiten die meisten als freie Komponisten für Film, Fernsehen oder Theater.