08.07.2019 | Ausgabe 3/2019

Das Geheimnis beim Songwriting

Ein Hit braucht die Überraschung: Ein Interview Florian Cojocaru und Martin Kromar (Echopilot)

Aufnahmeraum / Foto: Florian Cojocaru

Die Amadeus Austrian Music Awards sind der wichtigste österreichische Musikpreis. Sie werden vom Verband der österreichischen Musikwirtschaft – IFPI Austria – an österreichische Künstler in 14 Kategorien verliehen. In diesem Jahr erhielten Josh. mit „Cordula Grün“ für den „Song des Jahres presented by Hitradio Ö3“ sowie Ina Regen für ihr Debut-Album „Klee“ einen Amadeus-Award. Die Produzenten beider Künstler, Florian Cojocaru und Martin Kromar, berichten über ihre Arbeit als Produzenten der erfolgreichen Künstler.

WIE ENTSTEHT EIN SONG?
Florian Cojocaru:
Es gibt keine allgemeingültige Formel. Grundsätzlich gibt es zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen beim Schreiben eines Songs: Sehr verbreitet ist das „fabrikmäßige“ Songwriting in so genannten Songwriting Camps. Der andere Weg ist ein mehr künstlerischer Ansatz, bei dem man sich intensiver mit einem Song auseinander setzt.

Song Writing Camps werden oft von Verlagen organsiert. Das Credo lautet in der Regel: ein Tag – ein Song. In einem Team entsteht auf eine sehr professionelle Art und Weise ein Song für einen bestimmten Künstler, der auch oft anwesend ist.
In der Regel setzt sich das Team aus dem Tracker, der am Computer dafür sorgt, dass die Ideen in ein vorspielbares Demo einfließen, dem Topliner, der für die Melodien zuständig, und dem Texter, zusammen. In der Praxis vermischen sich allerdings die einzelnen Parts.
Man sucht ein Thema für einen Song, dann eine Hookline, um die sich der Song aufbaut. Alles geht sehr schnell.
Das ist der „fabrikmäßige“ Ansatz, den wir aber in keinster Weise abwerten wollen. Diese Camps haben ihre Berechtigung und es entsteht auch sehr viel Gutes. Der eine Ansatz kommt über die Qualität, der andere über die Quantität zum Ziel.

WELCHER SONG IST SO ENTSTANDEN?
Florian Cojocaru:
Zwei Songs auf dem Josh. Album sind so entstanden. Da waren wir allerdings gar nicht beteiligt. Dann gibt es den auf Spotify den sehr erfolgreichen Song „Who we are“, der in Brasilein ein Hit ist, an dem ich mitgeschrieben habe. Und auch die Songs der Volksmusik Crossover Band „voXXclub“ sind so entstanden.

Martin Kromar:
In diesen Songwriting Camps kann es passieren, dass ein wunderbarer Song entsteht, der aber nicht zu dem anwesenden Künstler passt. Weil aber ein Verlag dahinter steht, der ein Interesse an der Vermarktung des Songs hat, wird er dann für einen anderen Künstler verwendet.

Das wird bei Songs für unsere eigenen Künstler nie passieren. Bei uns entstehen maßgeschneiderte Produkte für den jeweiligen Künstler. Der Künstler schreibt selber mit an den Songs, denn er muss sich in den Songs wiederfinden, sie müssen authentisch sein. Das erfor- dert ein intensives und verifiziertes Arbeiten.

An „Cordula Grün“ haben wir über Monate gearbeitet, Text und Melodie haben sich permanent verändert und sich schrittweise zu dem letztlichen Endprodukt entwickelt Florian Cojocaru: Bei dem zeitintensiveren Ansatz, der mehr in die Tiefe geht, wird genauer auf Details geachtet. Das ist der Ansatz, mit dem wir bessere Erfahrungen gemacht haben. Aber grundsätzlich funktionieren beide Wege.

Martin Kromar:
Bei den Camps fängt man die erste Energie ein. Das kann ein großer Vorteil sein. Es kommt vor, dass Demostracks, die bei den Camps aufgenommen wurden, die so stimmig und gut sind, dass sie es auf das fertige Produkt schaffen.

Martin Kromar:
Bei den Camps fängt man die erste Energie ein. Das kann ein großer Vorteil sein. Es kommt vor, dass Demostracks, die bei den Camps aufgenommen wurden, die so stimmig und gut sind, dass sie es auf das fertige Produkt schaffen.

Foto: Florian Cojocaru

WIE ENTSTEHEN DIE DEMOS AUF DEN CAMPS?
Florian Cojocaru:
Es findet ein Minimal- aufwand statt. Das heißt, es wird mehr oder weniger ausschließlich am Computer produziert, was aber nicht schlecht sein muss. Das hat oft eine hohe Qualität und kann auch organisch wirken.

WAS IST DAS BESONDERE AN DEN SONGS, DIE EIN HIT GEWORDEN SIND?
Florian Cojocaru:
Wenn man das immer wüsste…. Eine goldene Regel gibt es nicht. Aber es gibt Momente in diesen Songs, denen man sich emotional nur ganz schwer entziehen kann, egal, ob es eine Ballade oder ein Party-Hit ist.

Martin Kromar:
Ich habe zum Beispiel nur wenige Lieder in der österreichischen Radiolandschaft wahrgenommen, die so unprätentiös ein authentisches Gefühl vermitteln wie Ina Regens „Wie 21a Kind“. „Cordula Grün“ ist eine Kombination aus einem Ohrwurm- Refrain und einem Text, der trotz seiner Scherzhaftigkeit eine gewisse Tiefe hat. Wir verwenden Worte, die man normalerweise in einem Song nicht verwenden würde.

Florian Cojocaru:
Ich glaube, dass ein guter Song, der den Menschen gefällt, ein gewisses Verhältnis von erwartbaren und unerwarteten Elementen braucht. Ein Song orientiert sich immer an sich wiederholenden, etablierten Mustern. Das ist letztendlich das, was der Zuhörer mag und erwartet. Dazu muss ein gewisser Anteil an Überraschung kommen, Elemente, die der Zuhörer noch nicht kennt und genau hinhört, weil das Muster durchbrochen wird.
Musik hat für mich die einzige Funktion, Emotionen zu vermitteln. Diese müssen für den Zuhörer intensiv spürbar sein. Wahrscheinlich haben alle Hits gemeinsam, dass sie die Emotionen, die sie vermitteln wollen, extrem gut auf den Punkt bringen.

WAS IST WICHTIGER ALS TRANSPORTMITTEL FÜR EMOTIONEN: MUSIK ODER TEXT?
Florian Cojocaru: Es ist die Interaktion dieser beiden Komponenten. Das kann man in der Popmusik nicht trennen. Der Text hat nicht nur einen Inhalt, sondern auch einen Klang. Eine wunderschöne erste Zeile im Refrain, in der nur s- und tz-Laute aufeinander folgen, kann man nicht verwenden, weil es nicht gut klingt. Daher vermischt sich das Musikalische mit dem Text.

Martin Kromar:
Jeder Künstler, der am Ende die Lieder verkaufen und verkörpern 2019muss, hat seine eigenen gesanglichen Vorlieben. Es gibt Laute, die er gerne singt und sich dabei wohlfühlt. Ein „i“ auf dem hohen c am Anfang einer Zeile ist für den einen unangenehm, für den anderen ein Leichtes zu singen. Diese klanglichen Individualitäten und Vorlieben der Stimme sollte man beim Schreiben der Texte berücksichtigen.

Foto: Florian Cojocaru

DAS HEISST, EIN SONG IST IMMER GANZ ENG MIT DEM KÜNSTLER VERBUNDEN?
Florian Cojocaru: Im Idealfall ja. Es gibt auch Camps, in denen die generierten Songs im Nachhinein auf Künstler verteilt werden. Das ist in der Volksmusik, im Schlagersegment oder im kommerzielleren Pop eher üblich.

Martin Kromar: Es gibt auch Fernsehformate wie „The Voice of Germany“ oder „DSDS“, für die im Vorfeld Songs geschrieben werden, ohne dass man weiß, wer sie letztendlich singen wird. Da ist für uns eine Grenze erreicht, das können und wollen wir nicht mehr unterstützen. Das ist mir persönlich zu viel Quantität und zu wenig Qualität.

WIE WICHTIG IST DIE VERMARKTUNG DES KÜNSTLERS?
Florian Cojocaru: Es kommt auf den Musikstil an. Es gibt Stilrichtingen, die über Streaming wunderbar funktionieren, bei denen der Künstler als Person gar nicht im Mittelpunkt steht. Bei anderen ist es wiederum wichtig, dass ein scharfgezeichneter künstlerischer Charakter hinter dem Song steht.

Martin Kromar: Ein Video ist mittlerweile schon extrem wichtig geworden, unabhängig von der Stilrichtung. Sowohl „Wie a Kind“ als auch „Cordula Grün“ hätten es ohne das Video nicht so leicht gehabt.

SOWOHL JOSH. ALS AUCH INA REGEN SIND BEI EINER PLATTENFIRMA UNTER VERTRAG? WIE WICHTIG IST DAS FÜR DEN ERFOLG?
Florian Cojocaru:
Ina Regen ist bei Sony Deutschland unter Vertrag, Josh. bei Warner. Eine große Plattenfirma kann sicher Dinge in Bewegung setzen, die in kleineren Independent-Strukturen nicht möglich sind. Aber das heißt nicht, dass sich damit auch der Erfolg einstellt.
Man kann einen Act selber vermarkten. „Wie a Kind“ war quasi ein Selbstläufer in Österreich. Als wir das Video online gestellt haben, hat es direkt Wellen geschlagen.

Martin Kromar: Je größer die Internationalität wird, umso wichtiger werden die Plattenfirmen. Unsere Firma Echopilot ist ein Musikverlag und ein Label, wir können Österreich ganz gut selber abdecken. Aber das Geschäft im Ausland können wir nicht mehr ohne weiteres stemmen. Wir müssten entweder Personal einstellen oder mit der Musik aufhören. Da helfen die Erfahrung, die Manpower und das finanzielle Polster eines Majors.
Ich arbeite gerne mit Plattenfirmen und ich denke nach wie vor, dass sie ihre Berechtigung und einen Sinn haben. Wenn man mit kompetenten Menschen bei den Plattenfirmen zu tun hat, dann funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut.

LOHNT ES SICH, MIT NEWCOMERN ZU ARBEITEN?
Martin Kromar:  Für uns auf jeden Fall, denn wir haben uns quasi den Ruf erarbeitet, dass wir Künstleraufbau betreiben. Das hat zur Folge, dass viele junge Künstler ihre Demos nicht mehr an Plattenfirmen schicken, sondern direkt an uns.

Florian Cojocaru: Ich finde es schwieriger mit einem etablierten Künstler zu arbeiten, der schon viele gute Hits hatte und bereits erfolgreich ist. In dem Fall sind wir nur noch Dienstleister.
Newcomer kann man im positiven Sinne formen und seinen Beitrag zu deren Erfolg leisten.

Das ist ein Grund, warum wir uns auf den Künstleraufbau konzentrieren. Martin Kromar: Es ist ein anderes Gefühl, wenn man von Anfang an an einem Konzept, an einer Idee arbeiten kann und dann in Folge natürlich auch finanziell anders beteiligt ist.

HAT SICH DIE MUSIKPRODUKTION DURCH DEN MUSIKKONSUM VERÄNDERT?
Florian Cojocaru: Ich habe den Eindruck, dass durch das Streaming das Konzept eines Albums geschwächt wurde, weil nur noch einzelne Titel in Playlists gehört werden. Für mich persönlich folgt daraus, dass ein Album musikalisch sehr bunt sein sollte. Alben, die ein sehr geradliniges Sound-Konzept haben, bei denen sich die Lieder sehr stark ähneln, sind nicht mehr so gefragt und haben es schwer. Der Konsument ist Abwechslung gewöhnt.

Martin Kromar: Mein Songwriting hat sich nicht sehr stark verändert, wohl aber die Art des Produzierens, denn die letzte akustische Kontrolle eines Songs erfolgt bei mir über das Smartphone. Früher war die Referenz das Auto, heute ist es das Smartphone oder ein Notebook. Die Art und Weise, wie ich mische, hat sich durch das geänderte Konsumverhalten schon geändert, da ich zum Beispiel mit tieffrequenten Signalanteilen wie Bass Drum oder Bass anders umgehe. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass über den Smartphone Kopfhörer diese Frequenzen nicht zu hören sind. Das kann nicht in unserem Interesse sein und daher müssen wir dem Rechnung tragen im Mix.

GEHT IHR BEI DER MISCHUNG KOMPROMISSE EIN?
Martin Kromar: Kompromisse würde ich nicht sagen. Es ist ein Rücksichtnehmen auf veränderte Gegebenheiten.

Florian Cojocaru: Man kann nicht starrköpfig durchsetzen wollen, dass die einzig relevante Referenz die Studiolautsprecher sind. In Wahrheit ist es mittlerweile genau umgekehrt: Die Wiedergabe über simple Kopfhörer ist für uns die Referenz.