08.07.2019 | Ausgabe 3/2019

Gemeinsam musizieren

Der Schlüssel für einen emotionalen Song: Ein Interview mit Peter Keller

Peter Keller auf der Bühne / Foto : Laura Besch

Peter Maffay zählt seit Jahrzehnten zu den großen deutschen Songschreibern und Künstlern. Im November 2017 ist das MTV Unplugged Album erschienen. In einem Gespräch erzählt sein Produzent Peter Keller, wie die Lieder entstehen und wie sie Produktionsprozesse über die Jahre verändert haben.

WAS HAT SICH IN DER MUSIKPRODUKTION IN DEN LETZTEN JAHREN VERÄNDERT ?
Peter Maffay arbeitet fast noch so wie in der guten alten Zeit. Er leistet sich mehrere Runden für die Vorproduktion, bevor ein Album produziert wird. Es werden verschiedene Versionen von Songs erstellt, wir diskutieren über die Stilistik und Attitude, erstellen dann die ersten Demos.

Die Aufnahme der Demos nehmen wir sehr ernst. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass grundsätzlich jeder Take später auf einem Album landen kann. Wir wollen vermeiden, dass beispielsweise ein erstklassiges Gitarrensolo, das wir nachts um 23 Uhr ganz nebenbei aufgenommen haben, verloren ist und nicht mehr reproduziert werden kann.
Nach der Vorproduktion kommen wir mit der gesamten Band für ca. drei Wochen zusammen und spielen das Album, basierend auf der Vorproduktion, zum größten Teil live, ein. Wir arbeiten zusammen mit Ronald Prent am Pult, Tilmann Ilse als Tape OP und Hans Gemperle, der das Studio von Peter Maffay betreut.

WER SCHREIBT DIE MUSIK UND DIE TEXTE ?
Peter Maffay schreibt den größten Teil seiner Songs selbst. Auf jedem Album sind zusätzlich drei bis fünf Songs von externen Musikern. Beim letzten Album haben Katrin Schröder und Rupert Keplinger zwei Songs beigesteuert sowie Klaus Hirschburger, Kai Stuppel und Johannes Falk.
Die Songs entstehen nicht in einem Songwriter Camp, sondern „we keep it in the familiy“, wie wir sagen, weil Peter Maffay eine ganz genaue Vorstellung davon hat, welche Songs auf die Platte kommen.

Bei den externen Songs sind oft schon Texte vorhanden, manchmal gibt es nur Instrumentals oder Peter Maffay sagt, die Musik ist gut, aber der Text gefällt mir nicht. Dann werden externe Texter bemüht, denn Texte schreibt er nicht selber. Es werden Themen von ihm vorgegeben, ausgehend von einer musikalischen Idee. So baut sich der Song Stück für Stück auf.

WAS WAR DAS BESONDERE AN DER MTV UNPLUGGED PRODUKTION ?
MTV unplugged ist grundsätzlich eine Live-Aufnahme. Wir haben uns dafür das Steintor-Varieté in Halle an der Saale als Location ausgesucht.
Die Vorgeschichte dazu ist ganz spannend. Wir wollten bei dem MTV Unplugged Konzert keine Best Off Sammlung zum Besten geben, sondern auch Songs, die sich lohnen neu entdeckt zu werden, wie zum Beispiel „Dein Gesicht“, präsentieren. Wir wollten weder das Publikum noch uns selber langweilen. Also rief Peter Maffay mich an und bat mich, jeden Song, den er jemals aufgenommen hat, anzuhören. Es sind dabei Überraschungen ans Licht gekommen, wie das eben genannte Lied von seinem ersten Album, erschienen 1973, ein wundervolles Lied, das ich selber noch nie gespielt hatte.

Alle Songs, für die wir uns letztendlich entschieden hatten, wurden gesichtet, es wurden neue Versionen erstellt und für den Unplugged Bühnenauftritt arrangiert. Ton für Ton wurde im Vorfeld festgelegt, damit jeder Musiker wusste, was zu spielen ist. Zum Teil unterschieden sich diese neuen Versionen erheblich
von den Original-Songs.
Der ein oder andere Song ist natürlich Kind seiner Zeit bzw. der damaligen Produktionsweisen. Das würde man heute nicht mehr so umsetzen. In den 80er Jahren dagegen wurde gerne mit Elektroniksounds und Hallräumen experimentiert. Das ist heute nicht mehr angesagt. Komischerweise sind es die ganz alten Lieder aus den 70er Jahren wie „So bist du“, die auch heute bestehen und die heutige Ästhetik treffen. Diese alten Lieder würden wir heute genauso spielen wie damals.

WORAN LIEGT DAS ?
Ich habe das Gefühl, dass es im Moment in der Rockmusik wieder um „Druck“ geht. Mir gefällt es, dass der Sound der Snares oder Bass Drum wieder sehr direkt ist. Die Leute besinnen sich wieder auf einen guten analogen Sound.
Bei Peter Maffay es geht immer um Druck, aber nicht im Mastering nachträglich erzeugter Druck, sondern der Druck, der am Anfang der Signalkette erzeugt wird. Die Snare oder die Akustikgitarre müssen Transienten und Attacks aufweisen. Wenn gute Musiker das auf einer Zählzeit vereinen, dann sammelt sich physikalisch Energie und dann ist der Druck da. Das ist unsere Ästhetik.

Mein Herz schlägt für die Metal und Hard-
rock Szene. Viele Bands aus den 80er und 90er Jahren will ich gar nicht mehr hören. Aber es gibt Alben wie „Eat’em and smile“ von David Lee Roth, die damals fast ein bisschen spröde wirkten, die heute aber so klingen, als wären sie erst gestern aufgenommen worden. Da gibt es keine effekthascherischen Hallräume etc. Da sind gute Musiker am Werk und die Aufnahme ist erstklassig.

Bei einer E-Gitarre muss man sich immer die Frage stellen, wie viele Verzerrungen tun dem Sound gut. Setze ich einen Kemper oder Fractal ( ? ?) ein oder doch einen echten Amp ? Aber sobald wir die Artikulation eines Spielers einfangen wollen, greifen wir auf echte Instrumente zurück.

Merkwürdigerweise ist das heute gar nicht mehr selbstverständlich. Es gibt erfolgreiche Produktionen, bei denen kein Gitarren-Amp verwendet wurde, sondern ausschließlich Plug-Ins.
Ich finde es fantastisch, welche Möglichkeiten die verschiedenen Plug-Ins bieten, man kann Fantasy Sounds oder hyperrealistische Solosounds kreieren, die wirklich atemberaubend klingen. Aber im Band-Kontext klingt ein richtiger Verstärker, abgenommen mit einem Mikrofon und von einem guten Musiker gespielt, überzeugender. Dazu kommt ein wichtiger Faktor : Mir macht die Aufnahme viel mehr Spaß.

Es wird immer wieder diskutiert : Hört man es, ob die Band einen Song zusammen eingespielt hat oder nicht ?
Ich kann das nicht klar beantworten. Es gibt Tracks, die wir alle lieben, und wir wissen, die Band hat zusammen gespielt. Es gibt Tracks, von denen wir wissen, sie wurden nicht zusammen eingespielt. Es gibt auch Tracks, von denen wir denken, dass sie zusammen eingespielt wurden, das war aber nicht der Fall. Auf einen AB-Vergleich würde ich persönlich mich nicht einlassen. Und der normale Hörer könnte das wahrscheinlich auch nicht hören.

Wenn die Voraussetzungen für das Zusammenspiel gegeben sind, dann verbringt man seine kostbare Lebenszeit auf eine bessere Art und Weise, weil man zusammen musiziert. Die Musiker müssen gut sein und sie müssen entsprechend vorbereitet sein. Wenn der Produzent einen Wunsch äußert, sollten die Musiker nicht gleich nervös werden, sondern Spaß an der Umsetzung haben. Das ist für mich persönlich der Schlüssel. Deshalb bin ich immer für live spielen, weil die gemeinsame Zeit spannend und zielführend ist.

Bei Peter Maffay steht das Schlagzeug in der Mitte und die anderen Musiker platzieren sich drum herum. Die Gitarren sind über die Silent Cabinets von Stefan Grossmann (Grossmann Audio) abgekapselt. Jeder hat seinen eigenen Speaker, seine eigenen Mikrofone. Jeder kann in der gewohnten Lautstärke spielen. Auch einen Sänger können wir in eine Booth stellen, er hat Sichtkontakt zu uns und kann seinen Part einsingen.
Wir stehen zusammen und spielen einen Track, jeder kann seine volle Energie einbringen, man sieht die anderen, kommuniziert auch über Körpersprache. Und wenn einer einen Fehler macht, kann man trotzdem nachbessern, weil es kein Übersprechen gibt und alle Signale sauber aufgenommen sind.
Das ist für mich the best of both worlds : Wir spielen zusammen die Tracks ein und trotzdem liegen alle Spuren sauber vor. Es ist auch schon passiert, dass drei Tage vor Aufnahmeende die Tonart geändert wurde, über die Ambience Mikrofone vom Schlagzeug aber der Bass zu hören war.

WER KANN ES SICH NOCH LEISTEN, SO ZU ARBEITEN ?
Wir haben letztes Jahr unser Tonstudio in Hamburg, die Chefrock Studios mit drei Regieräumen und einem 80 qm Aufnahmeraum, eröffnet. Damit sind wir sicher ein gewisses Risiko eingegangen und wir wurden auch belächelt, weil die meisten Musiker und Produzenten nur noch in Producer Suiten sitzen und aufnehmen. Im besten Fall sind das drei nebeneinander liegende Räume, man trifft sich an der Kaffeemaschine, aber es findet kein gemeinsames Musizieren und kein Austausch statt.

Wir haben uns gedacht, dass es immer noch Musiker geben muss, die auf herkömmliche Weise musizieren und aufnehmen wollen. Deshalb haben wir das Studio gebaut. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Musiker sich begegnen können.
Die meisten jungen Musiker kennen die Situation gar nicht, dass man in einem großen Raum zusammen musiziert und die Session aufnimmt. Dabei ist es doch für alle die normale und bekannte Probensituation. Daher ist es doch nicht absurd zu sagen, wir spielen die Tracks zusammen ein.

WIE WIRD EIN SONG EIN HIT ?
GIBT ES REGELN ?

Ich glaube, dass der Hit zwingend in der Komposition steckt, und auch in er Umsetzung und am Schluss in der Vermarktung. Wenn den besten Song der Welt keiner kennt, dann wird das auch nie ein Hit.

Ich bin dankbar, dass mit den Menschen aus der Band musizieren darf. Wenn wir live oder im Studio spielen, wird immer eine brutale Präsenz gefordert. Egal, ob Ballade oder up tempo Song, egal ob leise oder laut, Dedication und Attitude werden erwartet. Man muss um sein Leben spielen und alles geben. Man packt das Maximum in die eigene Spur. Wenn sich das mit den anderen Musikern auf 36 Spuren addiert, dann wird daraus der Sound, der den Unterschied macht.
Ich respektiere die vielen Popschulen, die es mittlerweile gibt, aber genau das lernt man dort nicht.
Bei manchen Musikern muss ich mich wundern, dass dieses Feeling nicht da ist. Da wird zum Teil auf Soundcheck Niveau abgeliefert. Und das hat nichts mit Virtuosität zu tun, sondern mit Herzblut. Es geht um Kunst, um Musik, um Emotionen, deshalb muss man immer alles geben.

DU PRODUZIERST NICHT NUR FÜR PETER MAFFAY…
Nein, momentan arbeite ich zum Beispiel an der Musik für das neue Kinderstück am Friedrichstadt-Palast in Berlin. Da sitze ich alleine vor meinem Pro Tools und komponiere nach Vorgaben der Regisseurin die Musik. Es gibt keine Band, es muss schnell gehen und ich muss lange Zeit flexibel bleiben. Erst ganz am Schluss erfolgen die finalen Aufnahmen.
Als Vorgabe gibt es das Regiebuch sowie YouTube Links. Ich muss auf den Punkt komponieren, denn es handelt sich oft um Übergänge oder einzelne Passagen, die in der Länge exakt definiert sind. Das ist eine wundervolle Aufgabe, die aber so viele Prozesse durchläuft, dass man erst mal nicht mit echten Musikern arbeiten kann. Im Laufe der Zeit ändern sich permanent die Tonarten, die Tempi und anderes, so dass man am Rechner flexibler ist.

In diesem Bereich macht es auch Sinn, Plug-In-seitig up to date zu sein und die richtigen Werkzeuge zur Hand zu haben.
Mich hat neues Equipment immer ins- piriert, das gilt mittlerweile auch für Software.
Die Tracks, die ich produziere, werden am Ende live aufgenommen, sie werden aber bei den Aufführungen eingespielt. Trotzdem haben wir den Anspruch, einen optimalen Sound zu generieren. Ich gehe diese Aufnahme nicht anders an als eine Aufnahme für Peter Maffay.