07.11.2018 | Ausgabe 5/2018

Unternehmensgeist und Experimentierfreude kommen an

3D Audio - für viele noch ein weißes Blatt Papier

Produktionsstudio MediaApes / Quelle: Benjamin Klose, BK-Productions

Die MediaApes GmbH ist eine immersive Agentur mit Tonstudio, eigenem Label und BMG Co-Verlagin Neustadt an der Weinstraße. Musikkomposition und -produktion als auch das Management unddie Content-Verwertung gehören zu den Kerngeschäften der MediaApes. Mit dem BrandApeAudio 3D / MediaApes SSW legen sie zudem einen Schwerpunkt auf die immersive Technologieund den damit verbundenen neuen Möglichkeiten am Markt. Geschäftsführer Sebastian Gsuck undImmersive Audio Spezialist Nûjîn Kartal sprechen über ihre Ideen und Konzepte.

Wer sind die MediaApes und was machen Sie?
Sebastian Gsuck: Ich bin der CVO, der Chief Vision Officer im Unternehmen. In dieser Rolle entwickle ich die Visionen, stoße Kooperationen an und suche strategische Partner. Nach einer handwerklichen Lehre habe ich Toningenieur an der SAE studiert. Danach habe ich selbstständig eine Werbeagentur geleitet und im Jahr 2012 die MediaApes gegründet. In den letzten drei Jahren haben wir uns auf innovatives Sound Marketing und die Realisation von 3D Audio und 360 Grad Welten für Videos, APPs, Radio-, TV- und 2018Musik- Spot, Sound Logos, Experience Welten und Songwriting in 3D spezialisiert. Das Verlagswesen hat mittlerweile einen breiten Raum in unserer Arbeit eingenommen, ebenso wie neue Verwertungsformen und das Urheberrecht.

Nûjîn Kartal: Bei den MediaApes bin ich der so genannte CINO, der Chief Innovation Officer. Ich habe in einem zweiten Studium Sound & Music Production an der Hochschule in Darmstadt studiert. Als Toningenieur beschäftige ich mich bei den MediaApes verstärkt mit Strategien und Konzepten, in denen der Ton ganz selbstverständlich und als gleichwertiger Bestandteil eingeflochten ist. Als Trendscout verfolge ich intensiv, welche neuen Immersiven und 3D Audio Tools es weltweit am Markt gibt und bewerte dabei beispielsweise auch ihre Serienreife und praktische Nutzbarkeit. Wenn Sebastian eine Vision entwickelt, ist es mein Part, diese technisch zu planen und umzusetzen.

Sebastian Gsuck: Wir sind eine immersive Agentur für Erlebniskonzepte. Wir bewegen uns ganz bewusst im Dreiklang zwischen Industrie, Kreativwirtschaft sowie Forschung und Entwicklung. Das ist unseren Auftraggebern und auch uns sehr wichtig. Beispielsweise haben wir in den letzten Jahren erkannt, dass potenzielle Kunden mit den an sie gestellten Anforderungen bei einer 3D Audio Produktion mit den momentanen am Markt verfügbaren Tools oftmals an Grenzen und Denkbarrieren stoßen. Daher wollen wir die Forschung und Entwicklung direkt mit an den Tisch holen, wenn wir Projekte entwickeln und umsetzen. Wir versuchen die Grenzen zu definieren, um sie dann mit Herstellern zu diskutieren und im Idealfall zu eliminieren. Manchmal wünschen wir uns neue Produkte oder Features, die wir dann auch den Herstellern vorschlagen. Es ist wichtig, dass die Kreativwirtschaft in Deutschland jetzt mit den richtigen Technologie-Produkten versorgt wird.

Immersion ist das Thema der Stunde. Immersion ist nicht nur im VR Bereich wichtig und interessant, sondern auch zum Beispiel im begehbaren Experience Bereich. Damit sind Erlebnisräume gemeint, welche teilweise virtuell sind, die teilweise mit Project Mapping bespielt oder wirklich gebaut werden. Räume und Konzepte, die einen in andere bzw. völlig neue Welten eintauchen lassen. Emotionen können durch 3D Audio sehr leicht geweckt werden, denn unser Gehör funktioniert am besten, wenn es eine gewohnte akustische Umgebung wahrnimmt, auch wenn diese synthetisch hergestellt wird. Ob die Wiedergabe dann über einen Kopfhörer oder über Lautsprecher erfolgt, darf eigentlich keine Rolle spielen.

Der Effekt auf Menschen, die 3D Audio zum ersten Mal hören, ist so groß, dass sie nicht verstehen, warum es nicht überall eingesetzt wird. Das zeigt uns, dass wir eine Technologie haben, die ein enormes Potenzial birgt. 3D Audio ist quasi ein weißes Blatt Papier, das wir mit Unternehmensgeist und Experimentierfreude beschreiben können. Es ist eine Spielwiese, auf der man sehr viel bewegen kann.

MediaApes und René Rodigast vom Fraunhofer IDMT am Messestand der SXSW 2018 / Quelle: Benjamin Klose , BK-Productions

Wie sehen die neuen 3D Konzepte aus?
Sebastian Gsuck: Wir bauen Infrastrukturen auf, indem wir Hard- oder Software lizensieren. Wir arbeiten mit Herstellern und Partnern aus dem binauralen Bereich wie Dear Reality, New Audio Technologies und anderen zusammen. In Kooperation mit dem Fraunhofer IDMT lizenzieren und vertreiben wir die SpatialSound Wave Technologie. Gleichzeitig besorgen wir als Agentur die Aufträge, die die Lizenznehmer bearbeiten können. Abgesehen davon kreieren wir neue Lizenzmodelle. Bei 3D Audio ist eine neue Form der Verwertung gefragt. Hier spielt uns die Rolle als Co-Verlag von BMG in die Karten.

Nûjîn Kartal: Wir reden über immersive Konzepte, also ganzheitlich gedachte Konzepte. Ganzheitlich heißt für die MediaApres immer: Wir denken von Anfang bis zum Ende eines Projektes in 360 Grad, nicht nur bei Bild und Ton. Um eine optimale Zielgruppenansprache zu gewährleisten, setzen wir teilweise bei der Positionierungsfrage an. Deswegen ist es so wichtig, dass wir von Anfang an in die Beratung einbezogen werden und unser Wissen einbringen können. So wird nicht zwingend ein Produkt mit 360 Grad Bild und 3D Sound erstellt, es kann auch einfach ein innovatives Konzept sein, welches in der Struktur ganzheitlich und mit Revenue Potenzialen für den Kunden versehen ist.

Sebastian Gsuck: Ich mache beim Kunden oft die Erfahrung, dass der Ton im Projekt eine Nebenrolle spielt. Unser Ziel ist es, den Ton als zentralen Bestandteil, den dieser für die Wahrnehmung spielt, in den Köpfen zu verankern. Bei unserem Kunden „Rhein-Neckar-Löwen“, einer der Top-Mannschaften in der Handball-Bundesliga, geht es genau um solche Themenstellungen. Wie kann man über den Ton und die visuelle Welt zu einem Konzept kommen, das dem Kunden mehr Zuschauer bringt oder neue Märkte erschließt?

Um Antworten auf solche Fragen zu geben, holen wir bei Bedarf strategische Partner mit an den Tisch. Beispielsweise unterstützt uns Björn Wojtaszewski als strategischer PR- und Kommunikationsberater, wenn es darum geht, über das Thema Ton für Kunden Marktvorteile zu schaffen und auch erfolgreich zu kommunizieren. Der Kunde möchte seine Marke aufwerten, und das geht am besten mit Emotionen. Hier zielen wir über das limbische System direkt ins Ohr!.

Für welche Kunden und für welchen Zweck erstellen Sie die Konzepte?

Sebastian Gsuck: Aktuell bringen wir unsere Expertise in ganz unterschiedliche Kundenprojekte ein. Schwerpunkte bilden die Bereiche Hightech-Industries, Entertainment, Sport sowie Musik und Events.

Wie gestaltet sich Song Writing in 3D?

Sebastian Gsuck: Momentan denken viele, wenn vorhandenes Material in 3D umgesetzt wird, dann muss man nur entsprechende Räume schaffen oder ein paar Effekte einsetzen. Unser Ansatz ist ein anderer. Wenn wir vorhandenes Material in 3D umsetzen sollen, dann müssen wir teilweise zusätzliche Inhalte produzieren, wir müssen neu denken. Song Writing in 3D hat zur Folge, dass man kreativ ganz anders in den Song-Strukturen denken muss. Wenn wir anfangen zu schreiben, überlegen wir uns den kreativen Output: Was soll beim Hörer ankommen? Das hat dann wiederum zur Folge, dass wir auch urheberrechtlich mit ein paar Prozent an den Produktionen beteiligt werden.

Das heißt: Ich unterscheide, ob ein Label mit einem fertigen Stereo Track auf uns zukommt mit der Aufgabe, daraus etwas in 3D zu gestalten, was die Experience für die Zuhörer steigert. Die Alternative ist, dass wir tatsächlich in 3D schreiben. Wenn wir in 3D schreiben, wird das Thema Storytelling auch für einen Song sehr wichtig. Man muss einen Song in 3D erzählen. Da liegen die zukünftigen Potenziale, dass man Musik nicht nur alleine als Musik hört und wahrnimmt, sondern als eine Geschichte, die man viel intensiver erlebt.

Nûjîn Kartal: Stimmt exakt. Wenn wir die Spuren von einem Track bekommen, dann machen wir in der Regel eine ganz neue Mischung für 3D. Wir orientieren uns allenfalls am Stereo Track, aber wir erstellen eine neue Mischung. Man muss immer abwägen, wie sich der Gesamtklang des Stückes darstellt. Wir wollen uns auch nicht einschränken lassen. Auch wenn der 3D Sound am Ende anders klingt als der Stereo Track, kann das letztendlich zum Vorteil für den Song sein.

Sebastian Gsuck: Viele Künstler oder Musiker denken an Atmosphären, wenn sie über 3D Audio sprechen. Wenn ich eine Atmosphäre in 3D aufbaue, dann ist das ein natürlicher Teil des Songs. Aber es ist nicht nur ein zusätzlicher Track, sondern hat die Aufgabe, den Zuhörer in seiner Phantasie zu lenken. 3D Audio muss nicht immer nur Instrumentierung im Raum sein. Diesen Ansatz empfinde ich als sehr natürlich.

Ein wichtiges Thema ist auch die Mikrofonierung…

Nûjîn Kartal: Ja, ein ganz großes Thema bei der 3D Produktion ist die Mikrofonierung. Dafür gibt es viele Lösungen, aber man muss schauen, welche sich für die jeweilige Produktion eignet. Es gibt durchaus Lösungen, die nur für einen einzigen Fall gut funktionieren. Wir sind sehr viel unterwegs, probieren verschiedene Mikrofon-Setups aus. Microtech Gefell ist einer unserer Partner, den wir gerne zu Rate ziehen, der uns aber auch fragt, was wir brauchen. Wichtig ist hier der fachliche Austausch, denn 3D Mikrofonierungen sind Mikrofon-Herstellern auch nur teilweise ein Begriff.

Gerade in der Mikrofontechnik ist viel Forschung und Entwicklung nötig, jetzt mehr denn je. Wir kommen von Surround. Da hatten wir zum Beispiel oft mit Phasenproblemen zu tun, wenn wir die Mikrofonierung bei klassischen Konzerten zu klein wählten. Daher werden 3D Mikrofonierungen gerne geflogen und relativ groß aufgebaut. Aber was ideal ist für den Klang, ist nicht immer ideal für das Konzert bzw. die Location. Im Live Einsatz muss man immer einen Kompromiss finden.

Bei einer objektbasierten Produktion sind andere Faktoren für Mikrofonierungen zu beachten, die mit gängigen Verfahren für Stereoproduktionen identisch sind.

Karoline Lindt mit Microtech Gefell Mikrofonen auf den Hot Seats der Nitrolympix, Hockenheimring 2018 / Quelle: MediaApes

Wie kann man mit 3D Audio Geld verdienen?Sebastian Gsuck: Revenue wird das Thema der Zukunft sein. Wir als immersive Agentur entwickeln deswegen Konzepte, die das 3D Thema verwertungsmäßig auf die richtige Wahrnehmungshöhe beim Entscheider heben. Zum anderen wird es auch für die Komponisten ein wichtiges Thema werden. Die großen Verwertungsgesellschaften tun sich schwer, einen Weg zu finden, wie für 3D Audio über ein Modelling gezahlt wird. Da hat sich noch keiner wirklich Gedanken gemacht.Wir beschäftigen uns schon eine Weile damit. Wenn man aus dem klassischen Verlagswesen kommt, dann trifft man direkt auf das erste Problem: Es gibt für die virtuellen Welten keine Sync Lösung, denn prinzipiell sind hier Bild und Ton verlinkt. Wenn wir jetzt die richtigen Fäden in der Hand halten, können wir hier die Richtung für eine vernünftige Verwertung vorgeben.Für die Kunden zählt allein der Return on Investment. Wir müssen folglich überlegen, wie wir mit unseren Ideen und Konzepten Geld verdienen können. Auch da müssen Lizenzmodelle entstehen. Revenue ist in diesem Bereich ein großes weißes Blatt, das man jetzt langsam beschreiben muss. Auch der Kunde, nicht nur wir als Unternehmen, will wissen, was er am Ende verdient.Der größte Markt für 3D Content könnte zunächst der Smartphone Markt sein. Dafür muss man ganz neue Lösungen denken. Wir haben auch keine Patentlösungen für Revenue-Konzepte, aber wenn wir mit dem Kunden reden, entwickeln wir entsprechend Revenue-Konzepte.Unsere Audio Branche ist ein Bereich, in dem es sehr viel Erfahrung gibt. Die Beteiligten kennen und verstehen sich, aber man arbeitet nicht immer zusammen. Ich glaube, dass wir jetzt an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nur noch durch eine enge Zusammenarbeit weiterkommen, wenn wir eine Rolle im internationalen Kontext spielen wollen. Wir haben jetzt ein Thema, mit dem wir etwas erreichen können. Daher hängen wir den Netzwerkgedanken ganz hoch auf.Manche sagen, sie arbeiten mit Partnern zusammen, aber tatsächlich tun sie es doch nicht, sondern suchen nur ihren eigenen Profit. Das ist nicht zielführend. Wir müssen Wege finden, wie wir uns zusammenschließen, um Lösungen komplett neu und anders zu denken. Innovationen und Mehrwerte entstehen vor allem durch Erfahrung und neue Ideen.

Wer sind Ihre Netzwerkpartner?
Sebastian Gsuck: Wir arbeiten eng mit dem Fraunhofer Institut, der Technischen Universität Kaiserslautern zusammen und auch mit IAN, dem Immersive Audio Network, oder auch Microtech Gefell, um nur einige zu nennen. Für uns ist der Gesamtgedanke wichtig, wir wollen zusammenarbeiten und uns nicht als Konkurrenten sehen. Auch den VDT sehen wir als wichtigen Netzwerkpartner.

Wenn wir also an Revenue denken, dann ist das sicher eine interessante und wichtige Sache, bestimmte Dinge aus einem anderen Licht zu zeigen, die die Kreativschaffenden in der Regel nicht sehen. Ich habe das Gefühl, dass einige Produzenten sich noch keine Gedanken über 3D Audio gemacht haben. Das können wir über den VDT und das VDT-Magazin ändern, wir können sensibilisieren, ansonsten wird der Markt wieder nicht in Deutschland gemacht.

Sie produzieren selber in 3D?
Nûjîn Kartal: Ja, nur so können wir Kunden begeistern und überzeugen. Wer als Speerspitze in neuen Märkten erfolgreich sein will, der muss vorangehen. Alles, was wir uns neu erdacht haben, auch die Dinge, die wir auf der Tonmeistertagung zeigen, wurden bei uns im Studio produziert.

Unser Ansatz ist Transparenz beim Kunden zu zeigen: Erst wenn wir selber alles konzeptionell durchgespielt haben, können wir Komplettlösungen anbieten und die Partner finden, die diese umsetzen. Wenn wir den Markt gewinnen wollen, müssen wir in der Lage sein, selber Content zu produzieren und zu zeigen. Ansonsten müssen wir uns immer wieder anhören, dass der Content fehlt. Erst wenn wir ein Best Practice Beispiel zeigen können, verdienen wir damit auch Geld über den Verkauf von Lizenzen.

Vortrag
Freitag, 16. November, 12-13 Uhr, Raum 1
Immersive Storytelling and next level Marketing with Audio

Sebastian Gsuck, Nûjîn Kartal