10.07.2018 | Ausgabe 3/2018

Line Arrays, Subwoofer und Komplexe Filter

Ein Seminar-Bericht

Quelle: Jörn Nettingsmeier

Ende Mai trafen sich rund 25 Kollegen aus allen Teilen Deutschlands im Herzendes Ruhrgebiets, um von Systemspezialist Merlijn van Veen die Hintergründe von Line-Arrays und gerichtet abstrahlenden Subwoofer-Anordnungen zu erfahren. Wir alle nutzen solche Systeme täglich, doch was passiert wirklich in den DSP-Presets der Hersteller, und wie können wir selbst Hand anlegen, wenn wir an die Grenzen einer schlüsselfertigen Beschallungslösung stoßen?

Knapp die Hälfte der Teilnehmenden kannte sich schon vom letzten Seminari m November 2017, eine sehr gute Quoteangesichts der bekannten Terminschwierigkeiten in unserer Branche. Bei der Firma Höhnerbach Veranstaltungstechnik in Duisburg-Neumühl fanden wir ideale Arbeitsbedingungen: außergewöhnliche Gastfreundschaft, eine gerade neu eingeweihte Lagerhalle mit einer gemütlichen Seminar-Ecke, eine schier unerschöpflichen Auswahl an Technik und die Möglichkeit,direkt in Sicht- und Hörweite unserer Plätze Großbeschallungssysteme aufzubauen und zu messen.

Quelle: Jörn Nettingsmeier

Die ersten beiden Tage waren den Line-Arrays und der wichtigen Abgrenzung von real existierenden Systemen zur Theorie der „Zylinderwellen“ gewidmet. Beindruckend, wie Merlijn van Veen nach freihändigem Einrichten des Line-Array-Curvings die letzten verbliebenen Problemchen im Mittelfeld mit einer kleinen bandbegrenzten Absenkung des Phasengangs(!) zweier Elemente behob, und das alles kausal und ohne FIR-Filter.

Seine Allpass-Kapriolen sorgten dann auch für so manches Fragezeichen über den Köpfen der Teilnehmenden, dass sich schlussendlich dann aber über ungläubiges Staunen in überraschte Einsichten verwandelte, insbesondere angesichts der Möglichkeit, zusammengewürfelte Systeme sauber zusammen spielen zu lassen.

 

 

Quelle: Jörn Nettingsmeier

Nachdem bis herunter auf 100 Hertz alles in einem engen Toleranz-Korridor von 6 dB (absoluter Schalldruck _und_ Tonalität) eingetütet war, stand die Behandlung der unteren beiden Oktaven an. Nach einem präzise argumentierten Plädoyer für Tieftonkontrolle, mit dem Merlijn van Veen bereits auf der letzten Tonmeistertagung 2016 wichtige Impulse gesetzt hatte (Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie den Bericht in VDT-Magazin 1-2017), experimentierten wir in Theorie und Praxis mit End-Fire-Systemen, Gradientenarrays und „inverteds stacks“.

Dabei kam uns natürlich der Hardware-Bestand der Höhnerbachs sehr zugute. Die Halle zeigte praxisnah alle akustischen Probleme einer Konzert-Location, war aber dennoch groß genug, um saubere Messungen im Nahfeld durchführen zu können.

Quelle: Jörn Nettingsmeier

Am letzten Tag dann bauten wir uns eine Breitseite aus selbstgebauten Cadioid-Stacks und realisierten mit Delays verschiedene Abstrahlwinkel. Manch einer suchte zwischendurch akustische Zuflucht vor der Halle, aber Merlijn van Veen sorgte dafür, dass wir durch jede der Nebenkeulen, die unsere Vorabsimulationen ergeben hatten, auch persönlich durchgelaufen waren.

Mit so viel Muße den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis zu erforschen, ist wohl nur in diesem Seminarformat überhaupt möglich. Das wir knapp 50% Nichtmitglieder erreicht haben, zeigt, wie groß das Potenzial des Beschallungssektors für die Zukunft des VDT ist: Der Bedarf in der Branche nach herstellerunabhängigem Wissenstransfer ist hoch, und das Netzwerk des VDT ist in einzigartiger Weise geeignet, diese Lücke zu füllen..