19.02.2018 | Ausgabe 1/2018

VDT-Gruppentreffen in der Schweiz in der Tonhalle Maag Zürich

VDT-Ehrenmedaille für Jürg Jecklin

Jürg Jecklin. Bild: Jürg Jecklin

Jürg Jecklin. Bild: Jürg Jecklin

Das 10 Milionen teure Provisorium soll mindestens bis 2020 benutzt werden, dann soll die Zürcher Tonhalle fertig renoviert sein. Das Maag Areal beheimatet einen Event- und Musical- Trakt sowie die große Eventhalle, in der das Tonhalle-Provisorium erstellt wurde. 10 Tonnen Fichtenholz wurden verbaut, 35 Kilometer Kabel verlegt. Da die Decke der Halle circa 5 Meter tiefer hängt als in der alten Tonhalle, wurde das elektronische Raumakustiksystem Vivace von Müller-BBM von Beginn eingeplant. Dirigenten wie Franz Welser-Möst sind begeistert.

Im Nebenraum der Regie konnten wir dann die Racks des Vivace-Systems und deren Verstärker sowie die anderen Audio- und Videoanlagen begutachten. Auf dem Balkon des Konzertsaals demonstrierte uns der  technische Leiter Anton Adam das Vivace-System mit den dazugehörigen Lautsprechern (Alcons Audio). Der Flügelstimmer auf der Bühne intonierte ein paar Takte und Herr Adam zeigte uns per Vivace-App auf seinem Smartphone die verschiedenen elektronischen Raumakustik Presets, deren Unterschiede gut hörbar waren.

Anschließend versammelten wir uns im „Klangraum“ wo der zweite Teil der Veranstaltung stattfinden sollte.  Zuerst richtete Tonmeister Wolfgang Müller einige Worte zur No-Billag Initiative an die Runde. Am 4. März wird in der Schweiz darüber abgestimmt, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (die SRG) abzuschaffen, bzw. die jährliche Gebührenerhebungvon 451 CHF zu verbieten. Seine Empfehlung: Jeder sollte sich zumindest den Initiativtext gut anschauen, bevor er sein Votum abgibt!

Im Rahmen unserer Veranstaltung konnten wir Jürg Jecklin, der an diesem Tag 80 Jahre alt wurde, begrüßen. Er erfreute uns mit seinem Vortrag „Der  Tonmeister im Alter“. Nach einer geriatrischen Ouvertüre gelangte er bald zum Kern seines Vortrages über Hören und Wahrnehmen. Seine Hypothesen und Interpretationen fußten neben seinen Erfahrungen vor  allem auf Günther Theiles Dissertation von 1980 „Über die Lokalisation im überlagerten Schallfeld“ und der Wahrnehmungspsychologie nach Helmholz. Demnach dürfte er als 80-jähriger Mann kaum noch Signale über 5 kHz Signale hören. Da er aber noch im letzten Jahr die Fächer Aufnahmeanalyse und Audio-Gehörbildung an der Hochschule der Künste Wien unterrichtete, hat er vielleicht weniger gehört als seine Studenten, aber mehr wahrgenommen. Die Kapazität unseres Gehörs liegt bei 4x104 bits/s, das Sehen sogar bei 3x106 bit/s. Bewusst verarbeiten kann das Gehirn nur 50 bit/s – eine Filterung ist notwendig: Eine erste Datenreduktion findet schon im Innenohr statt: 24 variable Bänder dezimieren das Spektrum wie ein „Analyzer“ um etwa einen Drittel. Der Rest der Information kommt ins Ultrakurzzeitgedächtnis. Information, die das Gehirn behalten soll gelangen ins Kurzzeitgedächtnis, wirklich wichtige Informationen ins Langzeitgedächtnis. Diese Selektion wird aufgrund bekannter Muster gemacht und lässt sich somit trainieren. Daher ist es nicht so relevant, ob ein Tonmeister noch die ganze Bandbreite hört (abgesehen von hohen Störfrequenzen). Seine Hörwahrnehmungserfahrung macht das Arbeiten als Tonmeister immer noch möglich.

Zu guter Letzt überraschte VDT-Präsident Carlos Albrecht die Anwesenden mit der Verleihung der VDT  Ehrenmedallie an Jürg Jecklin. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte sich der gerührte Jubilar nicht vorstellen können. Der Tag endete mit einem Konzert des Tonhalle Orchesters. Zu hören waren Werke von  Strauss und Tschaikowski, dirigiert von Semyon Bychkov, der an diesem Abend seinen Einstand als neuer Tonhalle-Dirigent gab. In lauten Passagen erwies sich die Tonhalle als etwas zu klein – da erwies sich auch das Vivace-System als nicht hilfreich. Das Debut von Bertrand Chamayou am Konzertflügel rundete den Abend ab. Dankeswerterweise wurde das abschließende Zusammensein von der Firma Applied Acoustics gesponsert.

Über Jürg Jecklin

Tonmeister Jürg Jecklin arbeitete nach seiner Ausbildung 30 Jahre lang beim Schweizer Radio DRS bevor er 1998 als Professor an die Universität für Musik und darstellende Kunst nach Wien berufen wurde, um die Tonmeister-Ausbildung zu leiten. Bis vor kurzem gab er noch einzelne Vorlesungen, weil ihm die Vermittlung von Fachwissen eine Herzensangelegenheit ist. Davon zeugen auch hunderte von Publikationen, mehrere Bücher und viele Vorträge. Bis heute sind seine Skripte rund um die Tontechnik im Einsatz und „Jecklin“ ist einer der am häufigsten gesuchten Begriffe auf der Website der Universität. Sein Wissen und die Erfahrungen, die er in all den Jahren sammeln konnte, fasst er momentan in einem Buch zusammen:  „All aboutthe Recording and Reproducing of Music“ soll sein Wissen für alle Interessierten auch mit einem gewissen Unterhaltungswert zugänglich machen. Bekannt wurde Jecklin auch durch seine innovative, einfache Aufnahmetechnik (OSS-Verfahren und Jecklin-Scheibe) und dem ersten offenen Kopfhörer (Jecklin Float). Bis heute wurden rund 10.000 Stück des Jecklin Floats hergestellt und verkauft. Der Kopfhörer wurde sogar in die Industriedesign-Sammlung des Museum of Modern Art (MoMa) in New York aufgenommen.